Arbeitsgemeinschaften Gymnasialer Eltern in Baden-Württemberg

An den Vorsitzenden des Petitionsausschusses

An den Vorsitzenden des Petitionsausschusses im Landtag von Baden-Württemberg

Herrn Landtagsabgeordneten Jörg Döpper

Landtag von Baden-Württemberg

Geschäftsstelle des Petitionsausschusses

Konrad-Adenauer-Str. 3

 

70173 Stuttgart

Fellbach, den 10. April 2008

 

Thema: Schwere Schulranzen

 

Sehr geehrter Herr Döpper,

 

wir wenden uns an Sie als Vorsitzenden des Petitionsausschusses mit der Bitte um einen Termin für ein Gespräch zum Thema „Gewicht der Schulranzen unserer Kinder".


 

Das Problem:

Die Schulranzen unserer Kinder wiegen meist zwischen 5 und 10 kg. Damit überschreitet ihr Gewicht oft deutlich die Gewichtsempfehlung aus der DIN 58124, die eine Grenze von 10% des Körpergewichts der Schüler verbindlich vorschreibt. Dadurch setzen wir unsere Kinder der Gefahr langwieriger orthopädischer Probleme aus. Dieses Problem ist bekannt. Wir sind nicht mehr bereit, dies hinzunehmen.

 

Die Facetten:

Einerseits wird seitens verschiedener Behörden (z. B. Gesundheitsamt) zu Recht versucht, die Belastung der Kinder in Grenzen zu halten. Andererseits bewirken Vorschriften anderer staatlicher Stellen das genaue Gegenteil:

Im Auftrag der Kultusministerien drucken die Schulbuchverlage wunderschöne, aber schwere Bücher als Jahresbände, obwohl ein kapitelweiser Druck als Themenband durchaus möglich wäre.

Die Schulen fordern für manche Fächer sogar Stufenbände (also Bücher mit dem Stoff von 2-3 Jahren), was das Gesamtgewicht des „Tagesranzen" weiter steigert. Hinzu kommt die Eigenart der Lehrer, ein Schulbuch nicht durchzuarbeiten, sondern weitere Themen hinzu zu nehmen und dazu Kopien aus anderen Schulbüchern zu verteilen - manchmal sogar kapitelweise.

Die Installation von Schließfächern in den Schulen scheitert häufig an der fehlenden Flexibilität der Baubehörden, die oft die Genehmigung von Schließfächern in den Schulfluren aus feuerpolizeilichen Erwägungen verweigern.

Seit der G8-Einführung hat sich das Gewichtsproblem nochmals verschärft: Die tägliche Schulzeit wird länger, es werden mehr Fächer pro Tag unterrichtet. Damit schleppen die Kinder immer mehr, und dies beileibe nicht nur beim Hin- und Rückweg: Sie wechseln pro Tag oft 3 x mit dem gesamten Gepäck in andere Klassenzimmer.

 

Die Folgen:

- Bei den Kindern: Haltungsschäden, Rückenschmerzen, Verformungen des wachsenden Skeletts beispielsweise der Füße.

- Vor den Schulen: Verkehrschaos, weil Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen, um ihnen den Schulweg mit der schweren Last zu ersparen.

 

- In den Schulen: Reibereien zwischen Schule, Lehrern und Eltern wegen der Beschaffung eines zweiten Satzes Bücher oder wegen der Zuteilung und Bezahlung von Schließfächern.

All dies trägt zu einer massiven Schulunlust der Kinder bei, die sich vom verständlichen Frust der Eltern ableitet. Im Lichte der auch von uns für richtig gehaltenen Maxime „lebenslanges Lernen" ist diese Folge eine Katastrophe.

 

 

Unser Vorschlag:

Nur eine übergeordnete Stelle wie das Kultusministerium kann den Lösungsprozess in Gang setzen. Ein erster Anfangspunkt wäre, Gewicht und Ausstattung der Schulbücher unter die Lupe zu nehmen und hier verbindliche Vorschriften zu erlassen. Möglich wären auch gesetzliche Regelungen, die es den Verlagen erleichtern, den Käufern ihrer Bücher Schulbuchtexte oder -auszüge zusätzlich auf CD-ROM oder online zur Verfügung zu stellen.

Die Verlage reagieren nicht auf unsere Vorschläge. Die Schulen selber generieren selbst keine Nachfrage, sondern kaufen nur, was angeboten wird. Krankenkassen und Orthopäden, die sich vereinzelt engagieren, erweisen sich als so machtlos wie wir Eltern.

 

Nachdem sich nun die Kinderkommission des Deutschen Bundestags des Problems der schweren Schulranzen angenommen hat (Pressemeldung vom 10.03.2008), haben wir Hoffnung, dass Bewegung in dieses Thema kommt. Wenn sich also das Land Baden-Württemberg jetzt aufmachen würde, für dieses drängende Problem eine Lösung zu finden, so könnte dies neben Vorteilen für die Gesundheit unserer Kinder auch weitere positive Folgen nach sich ziehen: „gewichtsbewusste" Verlage und Schulranzen-Hersteller hätten wahrscheinlich in Zukunft einen Vorteil auf dem Markt.

 

Wenn Sie dies alles betrachten und des Weiteren bedenken, dass am Beginn einer Kette von Veränderungen die Schulbuchverlage stehen, der notwendige Impuls dafür aber nur von der Landesregierung kommen kann, verstehen Sie sicher, warum wir den Petitionsausschuss anrufen. Dieser ist für uns nach all unseren vergeblichen Versuchen (die auf der Internet-Seite http://www.schwereranzen.de/ nachzulesen sind) die letzte Instanz.

 

 

Wir bitten Sie, uns zu empfangen.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

 

Regine Bah                                                                 Gabi Stas

Elternbeirätin                                                               Initiatorin von www.schwereRanzen.de

Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium                                  Georg-Büchner-Gymnasium

Stuttgart                                                                      Winnenden

 

Katharina Georgi-Hellriegel                                           Doris Barzen

Sprecherin der G8-Eltern-Initiative                                Vorsitzende Arbeitskreis Gesamtelternbeiräte

Stuttgart im GEB Stuttgart                                            Baden-Württemberg

 

 

 

Waltraud Berndt-Mohr                                                                  Dr. Gammel

2. Vorsitzende Arbeitskreis Gesamtelternbeiräte                        Allgemeinarzt

Baden-Württemberg


 

Als Beleg schicken wir Ihnen das Deutschbuch, Klasse 5, Gymnasialstufe in Baden-Württemberg. Wenn Sie nun die Güte haben, 4 x dieses Gewicht zu rechnen (mindestens 4 unterschiedliche Fächer pro Schultag), plus Hefte, plus 0,5 l Getränk, plus an 3 Tagen (sehr löblich!) Sportutensilien, plus Eigengewicht des Ranzens von 1,5 kg, so kommen Sie an 5 Tagen auf ein Minimum von 7 kg Hin- und Herschleppen, entsprechend 7 Karton Milch, die die Kinder täglich mehrfach bewegen müssen. Und noch eine Anregung: Wir haben berechnet, dass ein durchschnittlicher Erwachsener von ca. 70-80 kg Körpergewicht täglich 16-18 kg auf dem Rücken mit sich herumschleppen müsste, wenn man den Faktor zugrundelegt, den normalgewichtige Kinder aushalten müssen. Dies entspräche etwa dem Gewicht von 2 Kästen Sprudel à 9 Flaschen PET-Ausführung.

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 22. Februar 2009 um 12:48 Uhr

 

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